16. Dezember 2019

Rezension: Tool – Fear Inoculum – Nichts neues auf allerhöchstem Niveau

Es ist schon erstaunlich, wie gut Tool die religiöse Verehrung, die der Band entgegengebracht wird, haben konservieren können. Schließlich liegen 13 lange Jahre liegen zwischen „10.000 Days“ und „Fear Inoculum“, dem letzten und dem neuen Album der Amerikaner. Trotzdem fegte in den letzten Wochen die Tool-Mania über die Welt: rasend schnell ausverkaufte Konzerte, erste Plätze in den Charts überall, mirakulöse Klick- und Streamingzahlen im Netz. Man kann wohl zweifellos vom größten Rock-Release des laufenden Jahres sprechen.

Dabei zeigen Tool, dass sie das Netz verstanden haben: Einige Tage vor der Veröffentlichung ihrer neuen Platte gaben sie auf allen Streaming-Plattformen auch alle früheren Alben zum Hören frei. Das Ergebnis: Tool-Platten beherrschten zwischenzeitlich die kompletten Top 10 der Hörercharts, z.B. bei iTunes – was weiteres Tastengeklapper der Journaille nach sich zog.

Und auch, wer das Album als CD kaufen möchte, schaut in die Röhre, wenn er sein Geld nicht in eine teure Sonderedition* mit Bildschirm und Zwei-Watt-Lautsprecher investieren möchte.Immerhin liegt ein Download-Kärtchen bei. Auch das ein Tribut an das Streaming-Zeitalter. Vinyl? Soll wohl kommen, einen Erscheinungstermin gibt es aber noch nicht.

„Fear Inoculum“ rechtfertigt den Hype mit einem intensiven 86-Minuten-Trip wie ihn eben nur Tool zustande bringen und der in Zeiten, in denen jeder nur noch Singles produziert, alle Hörgewohnheiten gegen den Strick bürstet.

Kein Song bleibt unter zehn Minuten, jeder erweist sich als prächtiges Prog-Metal-Gebräu aus Laut und Leise, vertrackter Rhythmik, wuchtigem Groove, grellem Riffgewitter und großen Melodien, die sich jedoch erst nach und nach offenbaren. Doch ja, es dauert bisweilen, bis ein Song wirklich Fahrt aufnimmt.

Denn „Fear Inoculum“ ist kein monilithisches Werk wie seine drei Vorgänger. Es bietet alle Markenzeichen, für die Tool geschätzt werden, erfindet jedoch keines neu. Da sind die markanten Bassläufe und groovenden Gitarrenriffs, Keenans hypnotischer Gesang und Danny Careys Donnerdrums. Nichts wirklich neues auf allerhöchstem Niveau – und nichts, das sich mal eben so weghören ließe.